{"id":682,"date":"2019-09-04T23:11:52","date_gmt":"2019-09-04T21:11:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.loiswelzenbacher.at\/?p=682"},"modified":"2019-10-16T23:31:46","modified_gmt":"2019-10-16T21:31:46","slug":"jean-nouvel-das-manifest-von-louisiana","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.loiswelzenbacher.at\/?p=682","title":{"rendered":"Jean Nouvel \u2013 Das Manifest von Louisiana"},"content":{"rendered":"<p>2005: Immer wieder werden Orte durch Architektur zerst\u00f6rt, banalisiert, verletzt.<\/p>\n<p>Wieder und wieder werden Landschaften besetzt, die Architektur geht mit ihnen um, wie es ihr gef\u00e4llt. Was bedeutet, sie vernichtet Spuren.<\/p>\n<p>Louisiana: ein Schock. Ein Ereignis, das keinen kalt l\u00e4sst. Das eine l\u00e4ngst vergessene Wahrheit ans\u00a0Licht bringt:<\/p>\n<p>Architektur besitzt die Kraft, \u00fcber sich hinaus zu weisen. Sie verweist auf Landschaft, Geschichte, Farben, Pflanzen, Horizonte, Licht.<\/p>\n<p>Architektur ist vermessen und angemessen, ist Teil der Welt, ist lebendig, einmalig: louisianisch eben.<\/p>\n<p>Sie ist ein Mikrokosmos, ein Bubble.<\/p>\n<p>Kein Bild und kein Wort reichen aus, um ihre Tiefe auszuloten. Man muss sie am eigenen Leib erfahren.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnte unsere Welt erweitern, jetzt, da die Welt sich immer weiter verkleinert.<\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der wir immer schneller von hier nach da kommen,\u00a0<br \/>in der wir alle den gleichen \u00dcbertragungen folgen und die gleichen Katastrophen gleiche Gef\u00fchle ausl\u00f6sen,<br \/>in der wir dieselben Hits summen,<br \/>dieselben Meisterschaften bejubeln,<br \/>dieselben Filme sehen,<br \/>die gleichen Planetensysteme kennen,<br \/>in der der Pr\u00e4sident eines einzigen Landes die ganze Welt beherrschen m\u00f6chte,<br \/>in der wir uns durch identische Einkaufszentren zw\u00e4ngen <br \/>und unsere Arbeit hinter den gleichen Vorhangfassaden verrichten \u2026<\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit, da die wenigen Vorteile, die eine sich immer weiter verkleinernde Welt mit sich bringen k\u00f6nnte, auf der globalen Agenda nicht auftauchen. Denn wenn wir doch alle die gleichen Kan\u00e4le benutzen, warum l\u00e4sst sich dann das Analphabetentum nicht rascher beseitigen,<br \/>wenn Mediziner in k\u00fcrzester Zeit von hier nach dort gelangen, warum k\u00f6nnen sie Virusopfer nicht retten?<\/p>\n<p>In einer Welt der Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnisse st\u00f6\u00dft auch die Architektur an solche Grenzen.<\/p>\n<p>Die globale \u00d6konomie richtet sich gegen die Architektur des Ortes. Wozu noch \u201eKontext\u201c ?<\/p>\n<p>Keiner sagt etwas dazu, obwohl die Situation sich von Tag zu Tag weiter versch\u00e4rft:<br \/>Die Architekturkritik. die sich in ihrer eigenen Welt ziemlich sicher f\u00fchlt, kokettiert mit \u00c4sthetik und Stil.<\/p>\n<p>Sie verschlie\u00dft die Augen vor allem, was wirklich ist, und \u00fcbert\u00fcncht die dringenden Fragen des Tages:<br \/>Was bleibt von den Orten, wenn die globale Architektur \u00fcber sie hinweggefegt ist? Wie soll die Architektur des Besonderen einer Architektur der Verallgemeinerung standhalten? Ist denn unsere Moderne, ein direkter Nachfahre der Moderne des 20. Jahrhunderts, von allen kritischen Geistern verlassen?<\/p>\n<p>Sollte sie nicht mehr denn je nach Sachlogik, nach inneren und \u00e4u\u00dferen Bez\u00fcgen, nach Harmonien oder Widerspr\u00fcchen suchen, um durch Architektur eine ad\u00e4quate Antwort auf gegebene Umst\u00e4nde zu liefern? Umst\u00e4nde des Hier und Jetzt!<\/p>\n<p>Loiusiana ist der symbolische Austragungsort des Kampfes zwischen David und Goliath, zwischen den Partisanen einer bodenst\u00e4ndigen Architektur und den Profiteuren einer No-Kontext-Architektur.<\/p>\n<p>Nur lokal gegen global? Der Konflikt geht zweifellos tiefer.<\/p>\n<p>Er hat zum einen mit unserem Wissen bzw. Nicht-Wissen zu tun. Das Wissen um Architektur ist von Grund auf zersplittert, weil jede Zivilisation praktisch ein anderes Repertoire hervorbringt. Reisen ist f\u00fcr den, der baut, als Ausbildung unverzichtbar. Denken wir nur an die Reisen der klassischen Architekten nach \u00c4gypten, Griechenland oder Rom.<\/p>\n<p>Louisiana war f\u00fcr mich die Erfahrung einer \u201eReise nach Kalifornien\u201c. Dort erreichten mich widerspr\u00fcchliche Informationen aus ganz verschiedenen Quellen und sie brachten mir eine nie da gewesene Situation nahe. Wo auch immer ich mich aufhalte, sehe ich mich von einer immer gleichen Architektur umgeben, ich erkenne die funktionalistischen Attit\u00fcden und muss mir die Ideologien der Moderne des 20. Jahrhunderts vereinfacht noch einmal zumuten. Die Anf\u00e4nge der Charta von Athen waren ebenso human wie die f\u00fcr den Kommunismus in Moskau, und ebenso schnell wie dieser wurde sie zur dogmatischen Karikatur ihrer selbst. Fanatiker und Zyniker nahmen das Ruder in die Hand und hinterlie\u00dfen Scherbenhaufen. Politisch wie st\u00e4dtebaulich.<\/p>\n<p>Es geht um die Freude, auf dieser Erde zu leben!<\/p>\n<p>Was wir an den Pranger stellen m\u00fcssen: sture Stadtplanung, m\u00e4chtige Netzwerke und die Negation des<\/p>\n<p>Genius loci. Verdammen wir die Automatik, mit der die Identit\u00e4t der St\u00e4dte vernichtet wird, gleichg\u00fcltig, auf welchem Kontinent, gleichg\u00fcltig, in welchem Klima. Geklonte B\u00fcror\u00e4ume, Wohnh\u00e4user, Superm\u00e4rkte \u2013 weg damit! Verflucht sei alles, was vorausgedacht ist, um die Menschen zu entmutigen, selber zu denken, selber zu sehen.<\/p>\n<p>Verweigern wir uns territorialen Anspr\u00fcchen und architektonischen Regelwerken (ja, auch diesen! Denn Architektur gibt es in jedwedem Ma\u00dfstab, St\u00e4dtebau als solcher aber existiert nicht! St\u00e4dtebau ist gegl\u00e4ttete, gesch\u00f6nte, dienstbare Makro-Struktur, ein Alibi f\u00fcr die Produktion von gesichtsloser Architektur.) Weg mit den blinden Regeln, analysieren wir die Orte, wie sie sind, handeln wir als Strukturalisten!<\/p>\n<p>Wir sollten uns wieder sinnliche und poetische Richtlinien zum Handeln schaffen, wir sollten von Farben sprechen, von D\u00fcften, vom Typischen und Atypischen, von Eigenschaften, die dem Regen zu verdanken sind, dem Wind, dem Meer oder den Bergen. Richtlinien, die das zeitr\u00e4umliche Kontinuum ber\u00fccksichtigen, die das vorhandene Chaos einbeziehen und Verwandlungen voraussehen, die sich der fraktalen Struktur unserer St\u00e4dte in jedwedem Ma\u00dfstab annehmen.<\/p>\n<p>Der Anfang muss immer sinnlich und einmalig sein, damit wir uns den allgemeinen Regeln und der dominanten Technik widersetzen k\u00f6nnen. Keine Zugest\u00e4ndnisse an die M\u00e4chte, die sich hinter den Forderungen nach Transport, Energie, Hygiene verbergen.<\/p>\n<p>Wer das Spezifische meint, geht anders vor. Er setzt auf die Ressourcen des Ortes und des Augenblicks, er betont das Immaterielle.<\/p>\n<p>Wie bedient man sich dessen, was es nur hier und nirgendwo anders gibt?<\/p>\n<p>Wie unterscheidet man, ohne zu karikieren?<\/p>\n<p>Wie dringt man in die Tiefe?<\/p>\n<p>\u201eArchitecturer\u201c bedeutet f\u00fcr mich, etwas als Architektur sehen, etwas in Architektur verwandeln.<\/p>\n<p>Auch die ganz gro\u00dfen Dimensionen d\u00fcrfen uns nicht verf\u00fchren zu glauben, wir entwerfen ex nihilo.<\/p>\n<p>Architekturieren hei\u00dft transformieren, hei\u00dft, etwas, das es schon gibt, mit System in etwas anderes zu\u00a0verwandeln.<\/p>\n<p>Architekturieren hei\u00dft, den Ablagerungen der Orte nachzusp\u00fcren, die sich wie von selbst anbieten, es bedeutet aufdecken, erkennen, sich orientieren, die gelebte Geschichte weiterzuschreiben und deren Spuren zu erhalten, hei\u00dft, auf die Atemz\u00fcge des Ortes zu h\u00f6ren, seinen Pulsschlag zu f\u00fchlen, seinen Rhythmus in sich aufzunehmen und erst dann weiterzudenken, Architektur ist nur ein Modus in einem physikalischen, biologischen, atomaren Kontinuum.<\/p>\n<p>Als ob wir es mit einem Fragment unseres unermesslichen Universums zu tun h\u00e4tten, dessen Entschl\u00fcsselungen auf der Makro- wie auf der Nano-Ebene liegen und uns schwindeln machen.<\/p>\n<p>Gleichg\u00fcltig, in welchem Ma\u00dfstab wir arbeiten, ob Lageplan oder Geb\u00e4ude, wir m\u00fcssen uns von dem Ort, der schon eine Geschichte mit sich bringt, verunsichern lassen.<\/p>\n<p>Was sind uns Wolken, Pflanzen, lebende Wesen. Wie \u00fcbersetzen wir das, was wir sehen, in Zeichen, in Spiegelungen, in einen neuen Zusammenhang?<\/p>\n<p>Wie holen wir die verborgenen Vibrationen an die Oberfl\u00e4che, wo graben wir nach der Seele des Ortes?<\/p>\n<p>Es ist zweifellos eine Frage der Poesie, denn die Poesie allein wei\u00df um die \u201eMetaphysik des Augenblicks\u201c, sie f\u00fchrt uns bis an die Grenzen dessen, was wir gerade noch beherrschen, ins Mystische, Fragile oder vollkommen Nat\u00fcrliche \u2026<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die Ver\u00e4nderungen \u00fcber die Zeit antizipieren, die Patina, die in W\u00fcrde alternden Materialien.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen in der Unvollkommenheit die Grenzen des Erkennbaren sehen.<\/p>\n<p>Belegen wir Louisiana mit einem Bann: Es darf hier keine gef\u00fchlskalte Architektur geben, keine artistischen Spielereien von architektonischen Globetrottern, keine probaten Details, keine Wiederholungen, keine ewig g\u00fcltigen Aussagen, keine emotionale Impotenz.<\/p>\n<p>Die kontrollierte Wiederholung des Probaten ist unsinnlich, ist, was Architektur nicht sein soll. Also: Kontrolle au\u00dfer Kontrolle. Schwere und Pomp in der Architektur sind Vektoren von Pedanterie.<\/p>\n<p>Im Detail wie im gro\u00dfen Ma\u00dfstab muss man erfinderisch sein d\u00fcrfen: Alles darf in Frage gestellt werden, es geht darum, die Welt neu zu ordnen und zu bereichern. Provozieren wir durch neue Oberfl\u00e4chen, eine andere Lichtf\u00fchrung, innovative Techniken.<\/p>\n<p>Ein erprobtes Detail ist ebenso verwerflich wie eine erprobte Architektur, die, vorgedacht und ihrer selbst sicher, kein Risiko eingeht und deshalb weder sinnlich noch anpassungsf\u00e4hig ist, ihre wesentliche Eigenschaft besteht doch darin, dass sie \u00fcberall hinpasst, dass sie uniform ist und sich verkaufen l\u00e4sst, dass sie Unterschiede zudeckt. Und wuchert. Sie simplifiziert und systematisiert. Sie bleibt immer auf der sicheren Seite und deshalb weit entfernt von allem Charme, denn der w\u00e4re nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Nennen wir eine Architektur louisianisch, die ihre Einzigartigkeit aus der Zwiesprache mit dem Ort\u00a0erzeugt, die aus der Situation heraus entsteht.<\/p>\n<p>Louisiana hat mit den Rezepturen von K\u00fcnstler-Architekten nichts zu tun, die ihr beschr\u00e4nktes formales Repertoire als \u201eSignatur\u201c verkaufen und die man zu jeder Zeit einfliegen kann. Deren Arbeiten sind \u2013 als Nachwehen des 20. Jahrhunderts \u2013 \u00fcberall einsetzbar und \u00fcberall willkommen, weil unverbindlich und unverortet. Sie bev\u00f6lkern die White Cubes der Museen der Welt.<\/p>\n<p>Aber anders als Kunstwerke, die sich isolieren lassen, sind architektonische Entw\u00fcrfe nicht auf sich selbst gestellt, sondern zum Dialog verdammt, also \u00fcben sie Anpassung oder werfen sich in Pose, beides ist l\u00e4cherlich, da ihnen doch jede Art von surrealistischem Touch abgeht \u2026<\/p>\n<p>Entwerfen hei\u00dft, etwas in einer bestimmten Zeit f\u00fcr einen bestimmten Ort zu erfinden, wobei erfinden\u00a0hei\u00dft: Es materialisiert sich der Wille, die Sehnsucht und das Wissen von einigen Menschen. Denn wir sind dabei nie ganz allein. Obwohl Architektur immer f\u00fcr einen gegebenen Ort und eine bestimmte Person (oder Personen) gedacht ist, wendet sie sich an alle.<\/p>\n<p>Es ist h\u00f6chste Zeit, die Architektur von der Diskussion um Stile zu erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Unsere Zeit braucht Architekten, die an sich zweifeln, die suchen und lange nicht daran glauben,\u00a0\u00fcberhaupt f\u00fcndig geworden zu sein, <br \/>Architekten, die sich gef\u00e4hrden, sich auf Empirisches einlassen,<br \/>die den Umweg \u00fcber die Konstruktion gehen, <br \/>die sich selbst verleugnen k\u00f6nnen, <br \/>die Schimmelpilze in\u00a0ihren Fensterlaibungen entdecken und wissen, was das bedeutet. \u00dcberlassen wir den Architekten, die\u00a0sich als \u00c4stheten f\u00fchlen, das kosmetische \u00dcbert\u00fcnchen selbstgef\u00e4lliger Siedlungen.<\/p>\n<p>Von nun an sollte die Architektur auf das setzen, was nicht beschrieben und nicht erkl\u00e4rt werden kann.<\/p>\n<p>Und auf die Unvollkommenheit dessen, was sie zu leisten vermag.<\/p>\n<p>Ein Architekt wei\u00df erst, dass er an seine Grenzen gekommen ist,<br \/>wenn er Entwerfen als Modifizieren ansieht,<br \/>wenn er nicht mehr auf Best\u00e4tigung aus ist,<br \/>wenn er sich auf Anspielungen einl\u00e4sst,<br \/>wenn er Errichten als Einf\u00fcgen interpretiert<br \/>und statt von Bauen von Einordnen redet,<br \/>wenn es ihm nicht um Positionierung, sondern um \u00dcberlagerung geht,<br \/>wenn er statt an Eindeutigkeit an St\u00f6rung interessiert ist,<br \/>wenn er an die Stelle purer Addition gewisse Umwege setzt<br \/>und statt einer sauberen Kalligrafie f\u00fcr mehrfach \u00dcberzeichnetes zu haben ist.<\/p>\n<p>Dem archaischen Ziel von Architektur, eine Situation zu beherrschen und ein Monument f\u00fcr die Ewigkeit zu errichten, setzen wir entgegen: Reicht es nicht, ein paar Menschen durch Architektur Freude am Leben zu geben?<\/p>\n<p>Erinnern wir uns, dass Architektur oft genug ein Instrument der Unterdr\u00fcckung war, der Konditionierung von Verhaltensweisen. Erlauben wir nie wieder, dass Genuss verteufelt wird, schon gar nicht im Privaten, woher wir alle unser Gleichgewicht beziehen.<\/p>\n<p>Identifizieren wir uns!<\/p>\n<p>Jeder tr\u00e4gt eine m\u00e4chtige Welt in sich.<\/p>\n<p>Werden wir uns der poetischen Kr\u00e4fte bewusst, die jedem Menschen zur Verf\u00fcgung stehen, auch wenn sie manchmal noch so beunruhigend sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Keine Fesseln mehr, keine Fertig-Existenzen.<br \/>Keine digitale Architektur, die uns digitalisiert.<br \/>Keine geklonten Arbeitspl\u00e4tze.<br \/>Keine genormten Wohnungen.<br \/>Wir wollen weiterhin reisen,<br \/>wir wollen weiterhin Live-Musik h\u00f6ren,<br \/>wir wollen weiterhin in unserer Umgebung so zu Hause sein wie in unserem K\u00f6rper,<br \/>wir wollen mit Menschen zusammenkommen, die ihre eigene Kultur mit sich bringen,<br \/>wir wollen Farben sehen, die wir nie zuvor gesehen haben.<\/p>\n<p>Architektur ist gemacht f\u00fcr Variationen.<\/p>\n<p>Sie bleibt, w\u00e4hrend das Leben ein- und wieder auszieht.<\/p>\n<p>Architektur, die irgendwo abgeladen wird und sich nicht anpassen kann, wird niemals eins mit dem\u00a0Ort und den Menschen.<\/p>\n<p>Architektur muss absorbiert werden und selbst absorbieren,<br \/>sie muss sich beeindrucken lassen und selbst beeindrucken,\u00a0<br \/>sie muss aufnehmen und ausstrahlen.<\/p>\n<p>Lieben wir die Architektur, die das zustande bringt, die funktioniert wie Licht,<br \/>das die Topografie lesbar macht, die Weite der Felder, den Wind, Himmel und Erde, Wasser und Feuer, Ger\u00fcche, B\u00e4ume, Gr\u00e4ser, Blumen, Moos \u2026<\/p>\n<p>Lieben wir die Architektur, die Br\u00e4uche bewahrt und zugleich mit allen Informationskan\u00e4len der Welt\u00a0verbunden ist,<br \/>die Architektur, die von vergangenen Epochen und den Menschen von damals erz\u00e4hlt,<br \/>die Architektur, die mit der Zeit, aus der sie stammt, im Einklang ist.<\/p>\n<p>Wer noch immer den Archetypen des 20. Jahrhunderts nachh\u00e4ngt, krankt an Diachronie. Er verschm\u00e4ht das leben, wie es ist.<\/p>\n<p>Architektur ist zeitgebunden. Wir wissen, dass sie verletzlich und sterblich ist, und hoffen doch, dass sie lebensf\u00e4hig sei.<\/p>\n<p>Nehmen wir an, dass sie gerade aus dem Dunkel wieder auftaucht und eines Tages ins Dunkel zur\u00fcckkehrt.<\/p>\n<p>Spontane Architektur \u2013 spezifische, louisianische \u2013 spinnt den Faden zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Mineral und Pflanze, zwischen dem Augenblick und der Ewigkeit, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.<\/p>\n<p>Aus ihr entstehen Orte, die aufbl\u00fchen und irgendwann wieder verschwinden. Orte, die ihr langsames, pathetisches Scheitern von Anfang an in sich tragen.<\/p>\n<p>Denn das Gef\u00fchl f\u00fcr Zeitlichkeit geht in alles ein: Es f\u00e4rbt die \u00dcberraschungen. die das Leben so mit sich bringt, es relativiert die Verl\u00e4sslichkeit von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, es produziert eine gewisse Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber Vernachl\u00e4ssigung und Verfall.<\/p>\n<p>Die louisianischen Architekturen tr\u00e4umen, sie sind still, ruin\u00f6s, Orte des Vergessens. Gleichzeitig arch\u00e4ologische Fundorte, denn sie machen es m\u00f6glich, eine ambivalente Vergangenheit neu zu interpretieren.<\/p>\n<p>Sie r\u00fchren uns an, denn sie wurden ertr\u00e4umt wie Lebewesen, unsicher, aufbegehrend, manchmal verzweifelt, ausgesetzt, hingerichtet, aber nicht vergessen.<\/p>\n<p>Wie der Ph\u00f6nix aus der Asche belichten sie sekundenlang unsere Vorstellung von Ewigkeit.<\/p>\n<p>Unsicherheit, Einfachheit, die Bescheidenheit der Mittel und Materialien lassen uns hoffen, dass solche Architektur immer m\u00f6glich ist, ganz gleich, unter welchen \u00f6konomischen Bedingungen \u2013 und dass sie die Einstellung der Politik zu den Elendsquartieren besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit in der Unsicherheit zu suchen hei\u00dft nicht, die Verzweiflung zu ignorieren, die mit bestimmten Lebensbedingungen einhergeht, es hei\u00dft nur, die Kraft und die W\u00fcrde des Lebens auch in extremen Situationen zu erkennen und die unauslotbare Tiefe des Menschlichen.<\/p>\n<p>Irgendwie verstehen wir jetzt. warum die Bewohner von Favelas oder Gecekondus ihre selbst gebauten H\u00e4user, die immer improvisiert und nie ganz fertig sind, lieber haben als die standardisierten Betonkisten, die ihnen das Wohnen vorschreiben.<\/p>\n<p>Analysieren ist eine Pflicht, Verstehen ein tiefes Bed\u00fcrfnis, die Verh\u00e4ltnisse herauszufordern eine Bedingung der Evolution. Wir denken mit unseren Sinnen, wir f\u00fchlen durch unsere Ideen. Widerspruch erhellt. Wahrnehmungen n\u00e4hren Empfindungen.<\/p>\n<p>Liebe erzeugt den Wunsch zu leben, zu teilen, zu geben und unser Leben auf andere auszurichten.<\/p>\n<p>Entwerfen hei\u00dft verbinden, hei\u00dft dazugeh\u00f6ren, hei\u00dft sich einmischen, hei\u00dft widersprechen.<\/p>\n<p>Aber es hei\u00dft auch, das Tr\u00e4ge mit dem Lebendigen in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p>Harmonie ist nicht immer nur Verbindlichkeit, sie kann unaussprechliche Freude sein oder unbegr\u00fcndete Hoffnung und sie kann unsere Vorstellungskraft bis zum \u00c4u\u00dfersten treiben.<\/p>\n<p>Freude ist manchmal der unwahrscheinliche Katalysator, der begr\u00fcndeten Zweifel und schiere Hoffnungslosigkeit in Willensst\u00e4rke umschlagen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wir haben keinen Grund, diejenigen, die eigentlich schon aufgegeben haben (die Schwerm\u00fctigen, die Psychopaten), noch einmal zu ermutigen, damit sie das tun, was sie schon immer getan haben.<\/p>\n<p>In der Architektur ist Wiederholung krankhaft. Denn Leben ist Ver\u00e4nderung. Ihr angehenden Architekten, ihr angehenden Projektentwickler, lasst Euch gar nicht erst auf die Architektur, dieses schwierige Gesch\u00e4ft, ein, es sei denn, Ihr liebt es, immer wieder von vorn anzufangen, es sei denn, Ihr hasst Wiederholungen, wollt bauen und nicht zerst\u00f6ren und Euer Geld nicht damit verdienen, dem Leben anderer Fesseln anzulegen.<\/p>\n<p>Zu wem die Dinge nicht sprechen, wer wegen einer Stadt oder einer Aussicht nicht den Kopf verliert, soll die Architektur vergessen Wer nicht lieber gibt statt zu nehmen, der setze besser auf ein anderes Pferd. Vorausgesetzt, er ist noch in der Lage zu erkennen, dass auch Zynismus seine Grenzen hat.<\/p>\n<p>Architektur ist ein Geschenk, das aus den Tiefen unseres Selbst kommt Sie ist ganzer Einsatz, sie ist Erfindung von Welten, ist subtiler Genuss, schwierige Wahrnehmung, fl\u00fcchtiges Gl\u00fcck. Lasst sie vibrieren. Lasst sie das ewig sich \u00e4ndernde Universum abbilden!<\/p>\n<p>Lasst sie tempor\u00e4re Oasen errichten f\u00fcr die Nomaden, die sich alles, was sie vom Leben verlangen, durch Bewegung erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wie kennzeichnen wir denn den Lauf unseres Lebens?<br \/>Wie \u00fcbersetzen wir Ernst, Stille, Lust, Wahn, Trunkenheit, Euphorie oder Triumph in Stein?<\/p>\n<p>Weg mit den gef\u00fchllosen Maschinen, die das Leben vergewaltigen. Es gibt Tiefen zu h\u00f6ren, H\u00f6hen zu atmen, Natur zu erschlie\u00dfen. Weg mit der automatischen Architektur, weg mit den Replikanten der Produktionsbedingungen!<\/p>\n<p>Gehen wir auf sie los, zerfleischen wir sie! Weg, weg mit der seelenlosen Architektur, die nur als Provokation in die Welt gesetzt wird!<\/p>\n<p>Es sind immer die zuf\u00e4lligen Begegnungen und Situationen, aus denen sich etwas machen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die reizlose Architektur kann uns allenfalls als Grund dienen, um einmalige, komplizierte, widerspr\u00fcchliche Figuren dar\u00fcber zu legen.<\/p>\n<p>Eine der Botschaften aus Louisiana lautet: Vervollst\u00e4ndigen, umschiffen, diversifizieren und modifizieren wir das Leben auf eine in den probaten Rezepten f\u00fcr Architektur nie vorgesehene Weise.<\/p>\n<p>Werden wir Louisianer! Leisten wir Widerstand!<br \/>Fordern wir die Architektur des Unwahrscheinlichen!<\/p>\n<p>Wer sich mit Praxis und Poesie auf einen Ort einl\u00e4sst, bindet sein Schicksal an diesen Ort. Werden wir Louisianer, wo immer wir sind: in Petra oder Sanaa, in Venedig oder Manhattan,<br \/>in Chartes oder Ronchamp in Fischerh\u00fctten oder W\u00fcstenzelten,<br \/>in den Favelas von Rio oder den Industriebrachen an der Ruhr,<br \/>in Katsura oder in Louisiana.<\/p>\n<p>Zu welcher Zeit auch immer, unter welchem Licht auch immer.<\/p>\n<p>Halten wir uns an poetische Paradoxien. Wie Paul Val\u00e9ry, wenn er schreibt:<br \/>\u201eLe temps scintille et le songe est savoir.\u201c Rilke \u00fcbersetzt: \u201e\u2026wird Zeit zum Glanz und Traum zur Wissenschaft.\u201c<\/p>\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Aus dem Franz\u00f6sischen: Martina D\u00fcttmann,<br>\nerschienen in: BAUWELT 28-29 \/ 2006<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Dieser Text stammt aus der im Sommer 2005 von Jean Nouvel f\u00fcr das LOUISIANA MUSEUM OF MODERN ART in Humleb\u00e6k, D\u00e4nemark, kuratierten Ausstellung \u201eLouisiana Manifesto\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.louisiana.dk\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">www.louisiana.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2005: Immer wieder werden Orte durch Architektur zerst\u00f6rt, banalisiert, verletzt. 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